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Der Berichter
Derliz Mereles
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Es war ein frischer Freitagnachmittag. Der August in diesem Jahr war verregnet und kühl. Ich saß kurz auf
einer Bank, in der Außenanlage des Botanischen Gartens, auf dem Weg nach Hause. Wie gewöhnlich waren alle
anderen Bänke mit Patienten und Besucher der umliegenden Kliniken belegt. Und die letzte Bank war auch nicht frei.
"Pluto ist seit gestern kein Planet des Sonnensystems mehr. Haben Sie es mitbekommen?", sagte mein Nachbar,
ein mittel vierziger, schlanker Man. Er schrieb auf seinem Laptop.
"Ja", antwortete ich.
"Die Erde entschied, einen ehemaligen Planeten zu degradieren. Dabei wurden dazu noch nicht einmal die
Plutonianer befragt", ergänzte er.
Er schrieb weiter. Ich schielte kurz in Richtung Bildschirm und konnte etwas Merkwürdiges erkennen.
Die seltsame Schrift habe ich bereits vor ein paar Jahre gesehen. Ich konnte mich aber beim besten Willen
nicht daran erinnern, was es war.
Er schrieb schnell und konzentriert. Es ist klar, dass es heutzutage problemlos möglich ist, einen
Aufsatz mit einer anderen Schriftart zu schreiben. Aber trotz ungewöhnlichem Zeichensatz, ist der Text
normalerweise lesbar und verständlich. Der Mann schrieb so schnell, als ob er bereits eine lange Erfahrung
darin hatte.
"Entschuldigung. Ich will Sie nicht indiskret sein, aber meine Neugier ist doch größer als meine
Scham", sagte ich.
"Tun Sie sich keinen Zwang an", sagte er.
"Sie benutzen aber eigenartige Symbole zum Schreiben", versuchte ich somit meine Wissbegier zu sättigen.
"Sie werden mir nicht glauben, wenn ich Ihnen sagen, dass mir diese Schrift mir schon sehr, sehr lange bekannt ist",
antwortete er.
"Darüber hinaus, so schreiben wir, dort wo ich her komme", ergänzte er.
Ich wusste was jetzt noch für eine Geschichte kommen würde. Ich habe ein paar verrückte Bekannte, die
meinen, dass sie aus dem Weltall abstammten. Der Eine glaubt, dass die Erde ein galaktisches Gefängnis mit
Häftlingen aus verschiedenen Welten sei. So verschieden, wie die Menschen und ihre Sprachen sind, ist es deren
Hauptaufgabe, sich mit Anderen zu verständigen und in Frieden zu leben.
"Was schreiben Sie da?", fragte ich weiter. Der Text war schon fast so lang, dass er bereits eine weitere
Seite füllte.
"Das ist mein Abschlußbericht. Meine Beobachtungsfrist ist verstrichen. Vor meiner Abreise muss noch ich einen
Report zusammenstellen".
In dem Moment konnte ich mich wieder erinnern. Ein Manuskript aus unbekanntem Ursprung, das in der Renaissance gefunden
wurde, wurde mit ähnlichen Symbolen geschrieben.
"Kennen Sie Wilfrid Voynich?" fragte ich ein wenig provokativ.
"Den Namen habe ich leider noch nie gehört", meine er.
"Er war ein amerikanischer Büchersammler und Antiquar, der 1912 ein rätselhaftes Schriftstück von
den Jesuiten der Villa Mondragone, südlich vom Rom, gekauft hat. Das Buch, ein unverkäufliches Unikat
wird heutzutage in der Yale University in New Haven aufbewahrt".
"Sehr interessant, aber, worauf wollen Sie hinaus?" Für ein paar Sekunden hatte ich den Eindruck, dass
mein Gesprächpartner ein wenig irritiert war.
"Die Schrift vom Voynich-Manuskript, die bis jetzt noch nicht entziffert werden konnte, sieht ähnlich aus,
wie die Schrift, die Sie gerade verwenden", sagte ich, in der Hoffnung ihm nicht zu nahe getreten zu sein.
"Wie alt soll dieses Manuskript sein?", frage er, jetzt sichtlich interessiert.
"Das weiß man auch nicht ganz genau, vielleicht 400 oder 600 Jahre alt". Das Manuskript ging im späten
Mittelalter und in der Renaissance von Hand zu Hand, natürlich im Besitz der Mächtigen, die auf der
Suche nach der Wahrheit waren, und die dafür viel Geld bezahlt hatten.
"Dann ist dieses Manuskript eine Kopie des Berichts von unserem letzten Besuch", sage er ganz rational. "Wir
sind gezwungen, die Mittel zu benutzen, die im jeweiligen Zeitalter zur Verfügung stehen", ergänzte er.
"Was meinen Sie mit 'Bericht', wer sind 'wir', wo kommen Sie her?", ich war viel zu überrascht von seiner
Antwort, dass ich ein wenig ungeduldig wurde.
Eine kurze Ablenkung wäre jetzt notwendig, dachte ich. Meinen Blick richtete ich nach oben rechts, über die
Wintergärten des Botanischen Gartens. Ein Bussard flog in der Luft und stand in einer beeindruckenden
Höhe plötzlich still. Vielleicht war eine Maus aus den Labors entflohen, und er konnte sie gerade
erspähen.
Nur wenige Sekunden waren vergangen. Ich drehte mich wieder nach links, zu meinem Gesprächpartner. Der Platz
neben mir auf der Bank war leer. Ich fühlte mich für einen kurzen Moment einsam und verwirrt. Ich hätte
noch so viele Fragen stellen wollen.

© Derliz Mereles 2006
Bemerkung: Uhrheber der Schriftart Eva hand 1 ist Gabriel Landini.
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