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Palmenholz
Derliz Mereles
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Es war heiß und schwül in diesem Sommer, die Sonne schmolz den weißen Sand auf der Straße.
Wabernde Hitzesäulen stiegen ständig hoch gen Himmel. Der junge Arzt saß auf der Veranda der Pension,
wie jeden Nachmittag seit fast zwei Monaten. Nachdem die Siesta vorbei war, las er ein Buch, irgendein
Roman, nichts wichtiges. Gewöhnlich war es, dass das Dorf nach dem Mittagessen, von etwa zwölf bis
fünfzehn Uhr, im tiefen Schlaf lag.
Später, als sich die Sonne langsam entschied, dem quälenden Nachmittag ein Ende zu setzen, beobachtete
der junge Arzt wie eine Menschentraube gemächlich durch die vom ihm aus rechts hinten liegenden
Eingangsstraße auf den Marktplatz einmarschierte. Die meisten gingen barfuß, dies war auch üblich.
Vorne trugen die jungen Eltern einen kleinen weißen Sarg.
Die Prozession verlief langsam und war zeitweise von der aus dem sechzehnten Jahrhundert stammenden
Franziskaner Kirche aus Palmenholz und Lehm verdeckt, die vor ihm im mittleren hinteren Bereich des
Platzes lag. Nach einer Weile konnte er sie wieder sehen, bis sie durch die von ihm aus links hinten
liegende Eingangsstraße, Richtung Friedhof verschwand.
Es gab keinen Ton. Kein Weinen. Kein Gesang. Der junge Arzt spürte die Mahnung, die bestimmt mehr in der
Luft und in der Hitze lag, als in der wohl nicht vorhandenen gesellschaftlichen Rüge.
Er wusste, dass er alles richtig getan hatte. Ihm war jedoch bewusst geworden, dass es trotz allem eine
Grenze gibt, die manchmal auch mit der besten Gewandtheit nicht zu überwinden ist.
Der Gesundheitsposten war ein sechzehn Quadratmeter Häuschen aus weiß gemalten Ziegeln. Der Boden hatte
abgenutzte rote Keramikfließen. Die einfache Tür und das Fenster, beide aus Holz, waren nur zum Schein da.
Man konnte sie zwar abschließen, sie ohne Schlüssel zu öffnen war jedoch kein Kunstwerk. Ein Holztisch mit
Schublade, auf dem ein paar verrostete medizinische Instrumente lagen und eine wackelige Glasvitrine, mit
einigen abgelaufenen Medikamenten, füllten den Raum.
Der junge Arzt fand seine neue Arbeitsstelle passend. Die letzten drei Monate des medizinischen Internats,
wie dort das praktische Jahr genannt wurde, musste er in einem abgelegenen Ort des Landes verbringen,
möglichst ohne Beobachtung von erfahrenen Ärzten. Das Dorf war etwa vierhundert Kilometer weit von der
Hauptstadt weg in einem Sumpfgebiet gelegen. Es gab keinen anderen Arzt in einem Umkreis von fünfzig
Kilometer, kein fließendes Wasser und keinen Strom.
Er wohnte in der einzigen Pension, die nur ein Zimmer hatte. Abends musste er manchmal mit der Taschenlampe
nach Triatoma infestans, besser bekannt als Vinchucas, in den Rissen der Lehmwand suchen. Diese Riesenwanzen
würden ihm sonst beim Schlafen Blut absaugen und dabei Exkremente ausscheiden. Beim Kratzen der juckenden
Haut würden die im Kot enthaltenen Protozoen in die Blutbahn gelingen, um den Zyklus des Trypanozoma cruzi
zu vervollstän-digen. Jahre später würde man an Herz- und oder Darmerkrankungen leiden, die sogar tödlich
enden könnten.
Das Lesen bei Kerzenlicht konnte er auch deswegen nicht richtig genießen. Daher gewöhnte er sich an, vor der
Pension unter dem langen bedachten Korridor zu sitzen und sich mit einem Buch zu entspannen.
Es gab sonst nichts zu tun in diesem Dorf. Ein Bus, der nirgendwo sonst eine Erlaubnis zu fahren erhalten
hätte, kam zwei Mal in der Woche. Eine einzige Telefonleitung besaß der Präsident der Colorado Partei, jene
Partei, die schon seit einer Ewigkeit die Macht im Lande behielt. Ein Priester kam einmal im Monat aus einem
größeren Dorf, um die Beichte abzunehmen und die Messe zu lesen. Es war sogar so, dass erst am Sonntag den
5. Februar 1989, drei Tage nach dem Putsch, die Menschen im Dorf erfuhren, dass der langjährige Diktator
des Landes nicht mehr an der Macht war.
Die Telefonleitung war in der Putschnacht von einem Gewitter unterbrochen worden. Jemand hörte die Nachrichten
im Radio erst am darauf folgenden Sonntag. So ging das vielleicht wichtigste Ereignis der letzten vier Jahrzehnte
am Dorf unbemerkt vorbei.
Es war nicht immer äußerst ruhig in Los Cuarteles. Eines Tages kam der Pensionsinhaber sehr gestresst auf ihn zu:
"Herr Doktor, kommen Sie bitte schnell! Mein Sohn hatte einen Unfall. Er liegt dort hinten auf der Straße!" rief er
voller Entsetzen. Der junge Arzt eilte mit dem besorgten Vater zur Unfallstelle.
Der Sohn war von einem riesigen Ochsenkarren voller frisch geernteter Wassermelonen herunter gestürzt. Die Ochsen
liefen unbeirrt weiter, so dass ein Holzrad mit Eisenreifen seinen Bauch überrollte. Der junge Arzt konnte die Diagnose
schnell stellen und wies an, den Patienten zur Notoperation in die nächstgelegene Klinik, etwa hundert Kilometer
entfernt, zu bringen. Die abgerissene Milz konnte erfolgreich entfernt werden und der Sohn des Pensionsinhabers
war nach wenigen Tagen wieder zu Hause.
Das sonst ruhige Ärzteleben im Dorf wurde an einem Mittwochabend bei Vollmond unterbrochen. Zwischen den dunklen
Schatten der Bäume tauchten ein hohes Ross und sein Reiter auf. An der Pension machte er halt. Minuten später ging
der Pensionsinhaber zum Zimmer des jungen Arztes.
"Es tut mir leid, Herr Doktor. Sie werden gerade von einem Mann gesucht", sage er schmerzlich, entsprechend der
späten Uhrzeit.
Der Mann stieg nicht vom Pferd ab, was mehr für seine Eile als für seinen Höflichkeitsgrad sprach. Der Schatten des
Sombreros verdeckte sein Gesicht.
"Guten Abend", sagte er. "Meine Tochter, die gerade zu Besuch bei uns ist, hat Wehen. Die Geburt war eigentlich
erst in zwei Wochen vorgesehen. Könnten Sie uns helfen?" Die Dorfhebamme war bereits mit einer anderen Geburt
beschäftigt. Unter diesen Umständen war der junge Arzt die letzte Gelegenheit, eine entsprechende begleitende
Geburtshilfe zu erhalten.
Das Mitreiten auf dem Pferd lehnte er ab. Er würde lieber neben ihm zu Fuß gehen. Der Weg war nicht sehr lang,
und ging mehr durch Lichtungen als durch den Wald. Ein Abstecher beim Gesundheitsposten erlaubte ihm das Mitnehmen
der wenigen vorhandenen medizinischen Instrumente.
Das Mondlicht war hell genug, um Schlangen und Vogelspinnen rechtzeitig zu erkennen, und ihnen aus dem Weg zu
gehen. Nach einer Stunde waren sie angekommen. Im Lehmhaus mit Strohdach brannten Kerzen. Mitten im
einzigen Zimmer lag die vierzigjährige Frau, Lehrerin aus der hundert Kilometer entfernten Landeshauptstadt.
Das war ihr erstes Kind. Der junge Arzt sah eine schwierige Nacht auf sich zukommen.
Baumwollfäden und Instrumente ließ er zuerst abkochen. Danach tränkte er sie im hochprozentigen Alkohol.
Latexhandschuhe, chirurgische Fäden und Nadeln hatte er nicht. Seine einzigen Kampfmittel waren die Sprache
und die Geduld. Er beruhigte Sie und redete ständig auf sie ein, dass alles gut laufen und alles gut gehen würde.
Und alles lief gut. Das Kind war ein gesunder Junge. Es gab keinerlei Komplikationen. Ein paar Tage später kamen sie
zum Gesundheitsposten, um sich zu bedanken und um zu Fragen, wie der junger Arzt wohl mit Vornamen hieße. Sie würden
gerne das Kind nach ihm benennen. Das hatte gut getan. Die Erfahrung, etwas Gutes im Leben der Anderen getan zu haben,
machte ihn glücklich.
An diesem Abend, auf dem Weg zurück zum Dorf, wurde er von einer Frau aufgehalten. Ob er zur Hebamme kommen könnte,
frage sie, sie sei bei einer achtzehnjährigen Frau und würde es nicht schaffen die Geburt zu Ende zu bringen.
Das ungeborene Kind war zu groß für das Mutterbecken. Der Arzt hörte ab, fand aber keine Herztöne mehr. Er ließ die
Mutter zum nächsten Krankenhaus fahren, wo der Tod des Kindes festgestellt und entsprechend gehandelt wurde.
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© Derliz Mereles 2008
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